Manuela Günther

Reutlinger General-Anzeiger, 16.04.2012

LANDSCHAFT ERLEBEN

Mit Manuela Günther lässt sich die Schönheit des oft wenig beachteten Rammerts entdecken

Bäume, die von Menschen erzählen

VON MICHAEL MERKLE

ROTTENBURG. Spannende Fakten sprudeln aus Manuela Günther nur so heraus: Schutzgebiete, Flächen, Bewirtschaftung – der Waldrand am Ortsrand von Dettingen ist da gerade erst erreicht. Der Ort liegt beschaulich im Aischbachtal,wo dieses sich in Richtung Rottenburg aufweitet. Manuela Günther liefert einen Überblick, zoomt sich quasi von oben auf den Standort herunter: 52 000 Hektar umfasst der Landkreis Tübingen. Der Rammert, der bei der Runde der Landschaftsführerin die Hauptrolle spielt, hat eine Fläche von 10 500 Hektar.

Der Rammert (der Name komme von »Ram« wie »Rabe« und »Hart« wie »Weide«) werde als kleiner Bruder des Schönbuchs bezeichnet, der mit 17 000 Hektar deutlich größer ist. Der Rammert ist für Rottenburg und teils auch für Tübingen ein Naherholungsgebiet. Zum Neckartal hin bildet er eine 200 Meter hohe Stufe, in Richtung Steinlachtal geht es ins Albvorland über. Touristisch gesehen ist er aber gegenüber dem Schönbuch zumindest in der weiteren Region (überregional gesehen sowieso) ein unbekanntes Terrain. An seinen Reizen kann das nicht liegen. Die sind groß und vielfältig.

Genau diese möchte Manuela Günther bei ihrer Führung »Über Bäume, Obst und Traditionen« interessierten Menschen näherbringen. Und zwar in Form eines Ausschnitts im Gebiet »Höllstein« bis hin zur Weilerburg sowie am und unterhalb des Rappenbergs. Dieser Ausschnitt erzählt viel von dem Landstrich und seiner Eigenart. Genauer: Hier sind es Eichen, Buchen und Linden, die viel über Menschen und ihre Lebens- und Arbeitsformen berichten. Die Bäume, so wird schnell klar, bedeuteten eigentlich nicht nur früher »Reichtum«. Die Reiseverkehrskauffrau kennt die ferne Welt – genau das hat ihr wohl vor Augen geführt, welche Reize und Reichtümer in der Umgebung zu finden sind. Zunächst ist da am Anfang der großartige Garten von Roland Doschka, Romanistikprofessor im Ruhestand und Kunstexperte. Hier sind im neuen Teil links des Wegs alte Obstbäume Bestandteil eines englischen Gartens, umrankt von sich am Stamm hochziehenden Ramblerrosen, mit Aussicht auf das Tal.

Es geht hinein in den Wald. Auf den Waldweg folgt ein Pfad, der sich steil nach oben zieht. Dieser werde als »Nikolauswegle« bezeichnet, erzählt Manuela Günther. Alle Dettinger Kinder wissen, dass hier die Route des spendablen Mannes Anfang Dezember verläuft. An der Stelle taucht man als Wanderer endgültig in die Tiefen des Waldes ein. Die Vögel veranstalten nun Ende März ein energisches Pfeifkonzert der Extraklasse.

Buchenblätter aufs Butterbrot

Als es auf die Dünnbachhütte zugeht, geraten immer mehr die Eichen in den Blick. Diese, so erläutert Manuela Günther, wären früher nicht in erster Linie wegen des Holzes, sondern wegen der Früchte geschätzt worden. Tiere, die im lichten Wald weideten, aßen die Eicheln. Das Fleisch von Schweinen soll durch sie einen besonders guten Geschmack bekommen. Auf der mitgeführten Abbildung einer alten Spielkarte, die die 44-Jährige zeigt, braten Menschen Schweine und Schweine Eicheln. Auch Schafe und Rinder wurden im Wald gehütet. Es geht aber auch ohne Fleisch: Frische Buchentriebe können auch aufs Butterbrot. Einige Eichen werden so viele Jahrhunderte alt, dass sie locker Dinge von weit vor der Neuzeit erzählen könnten.

Manuela Günther, die in Rottenburg aufgewachsen ist, hat einen Draht zur Fasnet. Dass auch in Dettingen die Figur der »Rammert-Weible« auf den Wald verweisen, zeigt dessen kulturgeschichtliche Verwurzelung. Nebenbei erzählt sie auch was von wertvollen tierischen Bewohnern wie der Bechstein-Fledermaus und der Gelbbauchunke. Mittlerweile wird der Kamm beschritten, der Blicke ins Tal freigibt. Ein kleiner Erd-Aufschluss gibt Einblicke in den geologischen Aufbau des Keuperberglandes.

Hopfenanbau ist Geschichte

Es geht hinunter. Zwei riesige alte Linden werden passiert. Eine markante Stelle am Übergang zur Weiler Gemarkung. Mit einem Stethoskop wird der Versuch unternommen, die im März in den Stämmen aufsteigende Baumsäfte zu hören. Hier ist die Rinde zu dick oder der Baum noch nicht im Saft. Trotzdem ist es schön, sein Ohr mit dem Hilfsmittel ganz naturpädagogisch an den Baum anzulegen. Über Wiesen, wo einst Weinberge standen, geht es an Trockenmauern vorbei. Erste Schlüsselblumen blühen, auch Veilchenarten, zuvor waren Buschwindröschen zu sehen. Auch übers Streuobst weiß die 44-Jährige viel zu berichten.

Während die lebhafte Frau Bestattungsrituale der Germanen erläutert, wo Menschen in ausgehöhlten Bäumen beerdigt wurden, um so ihre Seele in den Bäumen zu bergen, geht es einen steilen Pfad hinauf zur Weilerburg, wo die Aussicht aufs Neckartal in beide Richtungen schwer in Worte zu fassen ist – einfach grandios. Und geschichtliche Bezüge bis hin zu den Habsburgern sind als Info in luftiger Höhe ebenso spannend.

Vom Turm aus war Weiler gerade noch als lieblich daliegender Flecken zu sehen, nun geht es in flotten Schritten dort durch die Sträßchen. Am Hang unterhalb des Rappenbergs dreht sich alles noch mal intensiv ums Streuobst, um Wiesenäcker. Kurz erwähnt wird der ehemals betriebene Anbau von Hopfen. Kulturlandschaft gestern und heute. Der unermessliche Wert von Bäumen. Das Sonnenlicht flutet die Wiesen, ein Greifvogel zieht über den Köpfen seine Bahnen. Der Wald hat den Kopf freigemacht, die Sinne geschärft. Klar ist: Wald – das ist unheimlich viel. (GEA)

LANDSCHAFTSFÜHRUNGEN (5)

Über Bäume, Obst und Traditionen – der vielseitige Rammert

Die Tour »Über Bäume, Obst und Traditionen« mit Manuela Günther dauert mit Haltepunkten und Aktionen vier bis fünf Stunden.

Die Grundvariante ist etwas über acht Kilometer lang, dabei muß ein Höhenunterschied von rund 140 Metern bewältigt werden. Es sind auf Wunsch Abkürzungen möglich. Die geführte Wanderung eignet sich für Familien, Schulklassen und Gruppen.

Je nach Interessenslage kann Manuela Günther ihre Schwerpunkte legen. Im Mittelpunkt stehen Bäume, ihre wirtschaftliche, ökologische und kulturgeschichtliche Bedeutung für den Menschen.

Die Wanderung führt von Dettingen über die Rammerthöhen zur Dünnbachhütte, von dort geht es auf der Höhe weiter bis auf Weiler Gemarkung bei alten Linden ein Sattel durchschritten wird. Über die Weilerburg und das Naturschutzgebiet »Rappenberg« mit ausgedehnten Streuobstwiesen geht es zurück nach Dettingen. (GEA)

0 74 72/44 10 67

0 70 71/9 68 44 14

www.NLF-Neckar.de

GEA-FOTOS: MERKLE

(Mit freundlicher Genehmigung des Reutlinger General-Anzeiger und Michael Merkle.)

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